Anti_gone

Moderner Klassiker mit viel Gewalt

Eine Koproduktion mit dem Bronski & Grünberg Theater

Inhalt

 

Was ist das Geheimnis des Menschen, wenn alles über ihn bekannt gemacht wird? Was bleibt übrig, wenn wir über alles Informationen bekommen können? Ist das dann das Ende unserer Erkenntnis? Ist die totale Überwachung das Ende der menschlichen Geschichte? Ist die globale Vernetzung und Datenspeicherung das Ende des freien Willens? Ist das Bestreben zu totaler Sicherheit das Ende unserer Handlungshoheit?

 

Im Wartezimmer eines Therapeuten sitzt die gelangweilte Iphigenie. Mit dem Smartphone in der Hand und in Zeitschriften blätternd wartet sie auf ihre Mutter Klytämnestra. Als sich wenige Minuten später die unbändige Antigone in den Wartesaal begibt, verwickelt sie die jugendlich-naive Iphigenie in therapeutische Rollenspiele. Durch ihr eigenes Spiel aufgewühlt, sucht sie immer wieder Sicherheit im Konsum einer Zigarette. Doch Rauchen ist hier nicht gestattet.

 

 

Wie kann man heute seinen ganz privaten, eigenen Raum noch behaupten, wenn man von allen Seiten zur Definition seiner selbst gezwungen wird?

 

Für Antigone ist die Seele der Ursprung allen Widerstandes. Die Seele zu schützen, ist Aufgabe des Menschen. Tut er es nicht, gibt er sich der Gefahr hin, eine Nummer in einer Masse von Nummern zu sein. Wenn die Seele im Menschen nicht lebt, dann kann er sich gegen das Bild, das die Gesellschaft von ihm hat, nicht wehren. Ein Opfer meiner eigenen Geschichte bin ich dann, wenn ich meine Fähigkeit verloren habe, meine Zukunft aus mir heraus zu schöpfen. Verliere ich den Zugang zu meiner Seele, bleibt mir nichts anderes als das, was andere von mir denken.

 

Die Komplexität einer griechischen Familienaufstellung weicht schnell der Frage danach, was ist Recht?

Und ist es auch dem Einzelnen recht? Die Suche nach Sinn wird zur Suche nach der nächsten Raucherzone.

Identität und Freiheit werden Gegenbegriffe zur (intoleranten) Gesellschaft.

 

Dieser Konflikt lässt sich ohne Gewalt nicht lösen.

Anti_gone Aleksandra Corovic
©Tim Hüning

Team

Text : Aristoteles Chaitidis

 

Regie : Steve Schmidt

 

Regie-Assistenz : Anita Boshani, Mandy Kleine-Vehn

 

Dramaturgie-Assistenz : Katharina Stöger, Olivia Rosenberger

 

Choreographische Begleitung : Rino Indiono

 

Dramaturgie/Musikalische Leitung : Aristoteles Chaitidis

 

Kostüm : Katharina Kappert

 

Make-Up : Zaira Kessler

 

 

Besetzung

 

Aleksandra Ćorović - Antigone

 

Julia Edtmeier - Iphigenie

 

Jan Walter - Wächter

 

Alfred Pschill - Klytämnestra

 

Antonio Chorbadzhiyski - Cellospieler

Premiere

01. Februar 2017 - Bronski & Grünberg Theater

Vorstellungen

Datum Ort Uhrzeit
02.02.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr
     
09.02.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
10.02.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
     
15.02.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
16.02.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
17.02.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
     
14.03.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
15.03.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
16.03.2017 Bronski & Grünberg Theater 19.30 Uhr 
     
14.06.2017 Bronski & Grünberg Theater 20.00 Uhr
15.06.2017 Bronski & Grünberg Theater 20.00 Uhr
16.06.2017 Bronski & Grünberg Theater 20.00 Uhr
     

Tickets

Bronski & Grünberg Theater

Porzellangasse 8, 1090 Wien

Karten unter:

office@bronski-grünberg.at

http://www.bronski-gruenberg.at/

 

oder direkt bei:


Kritiken

European Cultural News, Michaela Preiner, 15.03.2017

 

Individuum kontra Gesellschaft

 

Fulminant, einfach fulminant. Anti_Gone - eine Neufassung von Aristoteles Chaitidis überzeugte

im Bronski und Grünberg Theater auf allen Ebenen.

 

Die Vorstellung beginnt mit einem völlig schrägen Auftritt einer Frau. Schräg, im wahrsten Sinne des Wortes. Einer Frau, die wohl nicht alle Tassen im Schrank hat, so meint man. Aleksandra Corovic betritt die Bühne mit ihrem Hinterteil voran, um dann geziert über dieselbe zu stolzieren und schließlich auf zwei Stühlen gleichzeitig Platz zu nehmen. Dass etwas mit ihr nicht in Ordnung ist, sieht man sofort. Auf ihrer schwarzen Handtasche prangt der Schriftzug: NO. Eine Verweigerin. Eine Aufmüpfige. Eine Systemstörerin. Eine Antigone.

 

Ihre Gegenspielerin Iphigenie - kurz Jeanny genannt, ist das genaue Gegenteil von ihr. Lebensfroh, dauerquasselnd, angepasst. Ausgestattet mit Witz, aber auch Empathie, etwas, das Antigone zu scheinen fehlt.

 

Der Ort der Handlung: Das Wartezimmer eines Therapeuten

 

Die beiden jungen Frauen befinden sich im Wartezimmer eines Psychiaters. Jeanny, weil sie dort auf ihre Mutter wartet und Antigone, weil sie selbst Patientin ist. Ihr Problem: "Ich vögel meinen Bruder und mein Stiefvater findet das krank." Um sich die Wartezeit zu vertreiben, beginnen die beiden mit einem Spiel.

 

Familienaufstellung auf antik könnte das zusammengefasst werden. Mit allen wichtigen Protagonisten, die dazugehören. Mit Antigone selbst, ihrer Schwester Ismene, ihrem Geliebten Hämon, dessen Vater Kreon, der das Recht des Staates vertritt und nicht zu vergessen, dem Volk. Jener Stimme, die sich auch auf den "gesunden Menschenverstand" beruft. Nicht im Spiel, sondern außerhalb - mitten im Publikum - befindet sich ein junger Mann, der dafür sorgt, dass das Geschehen mit seinen Namenseinwürfen vorangetrieben wird. Aber er (Jan Walter) sorgt auch für Recht und Ordnung, denn wann immer Antigone sich eine Zigarette anzünden will, ist er mahnend und ordnend zur Stelle: "Das ist hier verboten!" Die schier genial spielende Julia Edtmeier schlüpft nicht nur in die Rolle der Iphigenie, sondern auch in alle anderen, die bei der Aufstellung gebraucht werden.

 

Der Text: Spritzig, witzig, gescheit und tiefgründig

 

Der Text - eine Mischung aus zeitgeistigem Jugendsprech und originalen Textfragmenten - ist nicht nur mit aktuellen Verweisen gespickt, sondern schlichtweg fulminant. Aristoteles Chaitidis ist dafür verantwortlich. Es gelingt ihm damit, die antike Vorlage ins Hier und Jetzt zu transferieren, ohne dass der historische Hauch ganz verloren geht, aber zugleich auch so, dass niemand Angst haben muss, auf Versmaße oder Unverständlichkeiten zu treffen, die einschläfern.

 

Eine Regie von ganz großer Klasse

 

Dass genau das Gegenteil passiert, dafür ist Steve Schmidt verantwortlich. Seine Regie ist schlichtweg vom Feinsten, was in der letzten Zeit in der freien Szene in Wien gezeigt wurde. Witzig, tiefgründig, hart und brutal führt er seine Figuren durch die Wirren ihres Innen- und Außenlebens. Und verpasst dabei dem Publikum an einer Stelle auch eine ordentliche Beschimpfung, wie es sich am zeitgenössischen Theater eben gehört. Aber so subtil angesetzt, dass sich niemand wirklich angesprochen fühlen muss. Denn bei der Suada, die Antigone gegen Kreon anhebt, kann man ihre Gesellschaftskritik ruhig auch ihrem Widersacher anlasten. Die Vieldeutigkeit, die der Regisseur mit verschiedenen Aktionen dem Text verpasst, die Aktualität, mit der er diesen umsetzt, ohne das Thema des Theaterspiels zu ignorieren, hat einfach ganz große Klasse und verblüfft enorm.

 

Immer wieder lässt Schmidt das Geschehen aus der Erzählstruktur kippen und stellt Bezüge zum Theater selbst her. Dafür zieht Edtmeier auch schon einmal den Mantel aus und stöhnt: "Ich kann das hier einfach nicht mehr!", um dann, vom "Wächter" aus dem Publikum wieder auf Schiene gebracht zu werden.

 

Ein unausweichlicher Kampf

 

Als sich das Geschehen um die unbeugsame Frau, deren Lieben samt und sonders gegen alle Konventionen verstoßen und von der Gesellschaft nicht goutiert werden, verdichtet, kommt rohe Gewalt ins Spiel. Anstelle Kreon die Hand zur Versöhnung zu reichen, die er Antigone nach einer staccatestken, verbalen Auseinandersetzung anbietet, zeigt sie ihm provozierend ihren ausgestreckten Mittelfinger. "Du Vernunftwesen voller Überzeugungen, wie es mich ekelt, vor deinem Heil", schleudert sie ihm noch entgegen. Dass das nicht gut gehen kann, ist der Rebellin egal. Unterordnen ist nicht ihr Ding. Aleksandra Corovic stattet ihre Antigone mit einer unglaublichen Präsenz und Eindringlichkeit aus. Eine Frau, der man nicht widerspricht, sondern mit der "Mann" letztlich nur kämpfen kann.

 

Die Drecksarbeit, die zu verrichten ist, die Strafe, die ihr die Gesellschaft für ihre Andersartigkeit und ihren Freiheitsdrang qua Gesetz auflädt, überlässt Kreon jedoch dem Zigaretten-Wau-Wau, dem Wächter über Gesetz und Ordnung. Nachdem Antigone schließlich wider jede seiner Anordnungen provozierend eine Zigarette zu rauchen beginnt, rastet er aus. Was in einer langen Gewaltattacke gegen Antigone gezeigt wird, ist aber nicht der unkontrollierte Angriff eines Einzelnen gegen die Staatsfeindin, sondern die von der Macht legitimierte Gewalt gegen die Andersdenkenden. Zart Besaitete schauen weg und zählen die Minuten bis der Kampf endlich vorüber ist.

 

Antonio Chorbadzhiyski begleitet schließlich die letzte Szene, in der Antigones Wille gebrochen werden soll, mit kratzenden Strichen an seinem Cello. Aufpeitschender, tiefergehend hat man kaum eine Gewaltszene am Theater erlebt, in welcher die Gewalt - im Gegensatz zur Szene davor - nicht direkt gezeigt wird. Das hat ganz große Klasse.

 

Der Schluss darf frei interpretiert werden - aber macht auch Hoffnung

 

Am Schluss ist es jedoch die Anti-Frau, die hoch erhobenen Hauptes das Publikum von der Bühne aus ansieht. Ihr Peiniger, nach dem Gewaltakt selbst eine Zigarette rauchend und Kreon, der sie verurteilte, sind längst verschwunden. Man darf die letzte Szene deuten wie man möchte - Antigone als wieder auferstandene Illusion oder Antigone, die nichts brechen kann. Letzteres macht zumindest Mut.

 

Dass Schmidt auch eine große Portion Humor in dieser Antigone-Überschreibung unterbringt, zeigt er nicht zuletzt mit dem kurzen Auftritt von Klytämnestra, Jeannys Mutter. Alfred Pschill darf diese mit blonder Perücke und Chanelkleid mit Goldketten mimen, stumm, aber unter lautem Publikumsgelächter.

 

Ein Abend der Hochbegabten, der nicht nur wegen des Ausgangs Hoffnung macht, sondern auch wegen der Spitzenleistung, die hier auf, hinter und vor der Bühne geleistet wurde. Vielleicht darf man auf eine Wiederaufnahme dieses Stückes, einer Koproduktion zwischen T.A.L. - Terraforming Arts Laboratorium und Bronski & Grünberg Theater, hoffen. Gratulation von unserer Seite zu dieser herausragenden Inszenierung und Ensemble-Gesamtleistung.


Wiener Zeitung, Edwin Baumgartner, 08.02.2017 (5/5 Sternen)

 

Schläge in die Seele

 

Beim Psychiater trifft die verhuschte Antigone auf die munter plappernde Iphigenie. Deren Mutter schildert dem Seelenarzt wohl eben die Sache mit ihrem vertriebenen Sohn. Nach und nach tauschen Antigone und Iphigenie die Familienmythen aus. Der von Antigone wächst zum Mittelpunkt. Der Platzanweiser hakt die Kapitel ab. Antigone, nervös und gefangen in einem Moralkodex, der sie zu einer Stellung außerhalb der Gemeinschaft zwingt und keine Kompromisse duldet, will sich eine Entspannungszigarette anstecken. Der Platzanweiser gestattet es ihr nicht. Antigone handelt dem Verbot zuwider.

Was folgt, ist eine Szene von kaum erträglicher Brutalität. Der Platzanweiser schlägt Antigone zusammen. Es ist, als wolle er ihr die Seele, die sie als kostbarstes Gut schützen wollte, aus dem Leib prügeln. Es dauert endlos. Er genießt es. Genießt sie es, Opfer zu sein? Man wendet die Augen ab, will aus dem Bronski & Grünberg Theater hinauslaufen und bleibt dennoch sitzen, schaut zu. Macht sich damit schuldig auch? Eine Gratwanderung.


Am Schluss steht sie da, eine Ruine, blutbeschmiert, doch in all ihrer Schönheit und Stärke. "Musstest Du so provozieren", dümmelt Iphigenie und folgt brav ihrer Mutter hinaus.

Der Text des Deutsch-Griechen Aristoteles Chaitidis ist von großer poetischer Kraft und auch Zartheit. Die Gewaltentladung, die wie aus dem Nichts kommt und an die erschreckendsten Momente bei Fernando Arrabal erinnert, verstört, als würden die Faustschläge dem Zuschauer gelten. Steve Schmidt hat das perfekt in Szene gesetzt. Aleksandra Corovic als Antigone beherrscht mit ihrer dunkel verrätselten Aura die Bühne. Julia Edtmeier ist neben ihr wie ein Lichtstrahl, der aber doch keine Hoffnung bietet. Jan Walter (Platzanweiser) und Alfred Pschill (Klytämnestra) ergänzen. Applaus im Schockzustand.


Der Falter, Veronika Krenn, 08.02.2017 (Publikumsempfehlung)

 

Antigones anti-antike Familienaufstellung

 

"Sorry wegen eben", entschuldigt sich der Wächter, nachdem er Antigone minutenlang mit Schlägen malträtiert hat, "aber Rauchen ist verboten, Gesetz ist Gesetz". Sie blutet, er inhaliert seine E-Zigarette. In Aristoteles Chaitidis' "Anti_gone" unterzieht Ödipus' herrlich verpeilte Tochter im Warteraum einer Psychopraxis ihre verkorksten Beziehungen einer Familienaufstellung. Aleksandra Corovics spröde, wohlstandsverwahrloste Griechin liefert sich dabei philosophische Duelle mit Iphigenie: Julia Edtmeier schlüpft auch in die Rollen der Schwester Ismene, des Königs Kreon und des Volks. Steve Schmidts Inszenierung besticht mit lässigen Ideen, vor allem einer hübschen Cello-/Gesangssequenz.

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