Marie-Fragment

Drama über den Verlust eines Kindes

Inhalt

Eine alte, einsame Frau sitzt in ihrer Wohnung und sieht die Fragmente ihres Lebens.

Sie hat vielleicht alles erlebt, was dieses Leben ihr bieten konnte –

einen Mann, eine Familie, eine Berufung als Mutter, ein sterbendes Kind und viel unvergängliche Zeit.

Ein Trauma bricht in die Welt ihrer Illusionen.

Die Erinnerungen beginnen zu sprechen in ihrem Selbst und werden zu ihrer neuen Realität –

Bilder, Scherben, Fetzen und immer der Wunsch nach Ruhe und Erlösung.

 

Kann eine Mutter ihr Kind jemals loslassen?

 

Hat Marie das Recht ohne Erlaubnis zu sterben?

 

„Man kann sich doch zu wenig vorstellen. Dazu ist das Leben zu übermächtig, zu bunt, zu krass.“

Marie-Fragment Logo

Team

Text : Aristoteles Chaitidis

 

Regie : Steve Schmidt

 

2. Regie : Olivia Rosenberger

 

Regie-Assistenz : Anita Boshani

 

Make-Up : Zaira Kessler

 

Kostüm : Katharina Kappert

 

 

Besetzung

 

Aleksandra Ćorović - Mutter

 

Constanze Winkler - Marie

Spielserien & Gastspiele

04.-06. Mai | 01.-02. Juni 2016

Dschungel Wien Studiobühne

 

03. Juni 2016

Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK)

 

15. Juli 2016

Brutkasten Festival Hamburg

 

16. Juli 2016

Stranden Open Air | Skandalös Festival Hamburg

 

23. November - 03. Dezember 2016

Theater Drachengasse | Premiere + 2 Spielserien

 

04. Dezember 2016

Bronski & Grünberg Theater


Kritiken

DerStandard, Katharina Stöger, 24.11.2016

 

"MARIE-FRAGMENT": ZEITLOSER SCHMERZ

In Aristoteles Chaitidis' Theaterstück erzählt eine 80-Jährige vom Verlust ihrer Tochter und resümiert ihr Leben

Wien – Fast unscheinbar wirkt die Bühne. Auf kleinstem Raum drängen sich sämtliche Kisten neben einer Lampe, einem Vogelkäfig und einem funktionsuntüchtigen Fernseher. Nahezu unbemerkt nähert sich ihm eine alte gekrümmte Frau, nimmt in dem großen Sessel Platz und erobert sich mit einem Blick, einer Geste den ganzen Theaterraum der Drachengasse, der auf einmal ganz groß und intim zugleich wird.

In Marie-Fragment (Text: Aristoteles Chaitidis) erzählt eine 80-Jährige von dem Verlust ihrer Tochter und resümiert ihr Leben. In der Erinnerung an ihre Marie reist die Mutter (Aleksandra Corovic) in ihrer Erzählung und auch körperlich in der Zeit zurück. Mit jeder Kleiderschicht, die sie ablegt, verjüngt sie sich nicht nur um 20 Jahre, sie entledigt sich auch scheinbar einer kontrollierenden Last. Der Rhythmus steigert sich. Ihr Sprechen wird freier, unüberlegter – und ehrlicher.

Dramaturgisch ist diese Zeitreise geschickt gewählt: Hass, Verzweiflung, Angst und Sorge werden immer unmittelbarer. Während die alte Mutter es zu Beginn nicht einmal schafft, das Wort "Tod" auszusprechen, kann später – oder früher – die Wut aus ihr herausplatzen.

 

Traumwandlerisch, präzise

 

Die Inszenierung von Steve Schmidt zeigt mal humorvoll und mal schockierend ehrlich und schmerzhaft den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen und stellt auch auf sehr geschickte, musikalisch-ironische Weise Fragen über den Glauben an Gott. In einer traumwandlerischen Jenseitssequenz kommt schließlich auch Marie (Constanze Winkler) selbst zu Wort. Sehenswert ist vor allem Corovic, die mit scheinbar völliger Leichtigkeit und großer Spielfreude präzise die Zeit springen lässt und mit ihrem eindringlichen Blick das Publikum in aufmerksame Stille versetzt. Jubelnder Applaus. Ansehen!


Der Falter, Martin Thomas Pesl, 30.11.2016

 

DAS GEGENTEIL VON ALTERSLOSIGKEIT

 

 Eine einsame, alte Frau reflektiert den Selbstmord ihrer Tochter in jungen Jahren. Das literarisch nicht sonderlich kunstvolle Monologstück "Marie-Fragmnet" von Aristoteles Chaitidis diente der Schauspielerin Aleksandra Corovic als Vorlage zur Entwicklung eines gewagten Rollenstudiums als Diplomprojekt an der Wiener Musik- und Kunstuni. Jetzt hat sie den Abschluss, und das Projekt wurde abendfüllend erweitert: Zusammen mit dem Regieteam Steve Schmidt und Olivia Rosenberger lässt Corovic ihre Protagonistin erst stufenweise immer jünger werden, dann nahtlos wieder altern: ein beeindruckender Beweis ihres Könnens. Doch auch die Regie beweist Fantasie, etwa durch einen bizarren Bonusauftritt der toten Tochter (Constanze Winkler).


kulturfüchsin, Sandra Schäfer, 30.11.2016

 

ERINNERUNGEN AUS EINEM LEBEN

 

Gemütlich sitzt eine kleine Gruppe von Zuseherinnen und Zusehern im kleinen Bar- und Theaterraum in der Drachengasse. Auf den Tischen stehen Getränke, manch einer ist in ein Gespräch vertieft. Dass es losgeht, merken viele erst als Schauspielerin Aleksandra Corovic von der zu mimenden Last des Alters gebückt und mit zittriger Hand einen Mann aus der ersten Reihe bittet, ihr auf die Bühne zu helfen. Corovic ist gemeinsam mit Regisseur Steve Schmidt Begründerin des „Terraforming Arts Laboratorium (T.A.L.)“, ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat „durch die Verknüpfung von Lebens- und Wissensbereichen schöpferische Prozesse freizusetzten“, wie es im Programmheft heißt. Mit „Marie – Fragment“ präsentiert sich die Gruppe erstmals offiziell einem Publikum. Die Reaktionen im Großen und Ganzen positiv.

Vor allem Corovic überzeugt als 90jährige, die auf die Fragmente ihres Lebens zurückblickt. In einem Sofastuhl zwischen Unmengen von Kisten kauernd, liefert sie ein kleines Einmaleins der Schauspielkunst. Von tiefer Stimme mit zittriger Lippe wechselt sie mit dem Ablegen des ersten Kleidungsstückes zur Erzählerin mittleren Alters weiter zur jungen Frau mit lebendiger Stimme und unsicheren Gesten umso weiter ihr Monolog sie in die Vergangenheit trägt. Zurück in eine Zeit, die zum großen Teil von der Sorge um ihre Tochter Marie geprägt ist.

 

Bewusst Platz für Interpretation

 

Das Mädchen ist eine von jenen Jugendlichen, die den Kampf gegen die Magersucht verloren haben. Im Stück selbst fällt das Wort Magersucht jedoch kein einziges Mal. Vielmehr sind die Zuhörer angehalten, zwischen den Zeilen zu lesen. Bewusst lässt der junge deutsch-griechische Autor Aristoteles Chaitidis Fragen wie, wieso das Mädchen in die Magersucht schlitterte, und warum es letztendlich den Tod dem Leben den Vorzug gab, unbeantwortet. Die Mutter selbst erscheint als ängstlich, in einer recht lieblosen Ehe gefangen – doch auch das nur eine Interpretation einer Zuschauerin. „Lassen Sie sich nichts erzählen. Das Alter ist friedlich und heiter. Wenn man sich verausgabt hat“, heißt es zu Beginn. Gegen Ende döst die alte Dame, der das Schweigen über die Jahre nicht gut getan hat und die sich nun endlich erleichtert hat, umgeben von ihren Erinnerungskisten friedlich vor sich hin. In einer grotesk anmutenden Traumsequenz, betritt die Tochter als mit Schläuchen bestückter Geist in ihr Fett greifend die Bühne. Die Intention keine schlechte, die Ausführung jedoch übermäßig bizarr und so stellt sich bald der Wunsch ein, dass die alte Dame doch schon etwas früher in ihren verdienten Tiefschlaf geglitten wäre. Trotzdem ein interessanter Abend.


Kurier, Heinz Wagner, 23.11.2016

 

IST ES EGAL, GELEBT ZU HABEN?

 

"Marie-Fragment" im Theater Drachengasse (Wien): Eine alte Frau blickt auf ihr Leben und den Tod ihrer jungen Tochter zurück.

 

Sehr gebeugt mit fast waagrechtem Oberkörper tattert die „alte“ Frau durch die Publikumsreihen in Richtung Bühne. Wirklich alt ist sie nicht, das ist der Schauspielerin schon anzusehen. Aber in ihren Körperbewegungen und in der Mimik wirkt sie so. 85 ist sie hier. So ihr jemand aus dem Publikum helfen wird, landet sie dann auch auf der Bühne auf einem alten Lehnstuhl  – zwischen doch recht geordnetem Chaos aus großen Kartons, einem leeren Vogelkäfig, einem kleinen alten Fernseh- und einem ziemlich neuen Radiogerät mit CD-Player. Und über allem thront das gemalte Bild eines Mannes. Jenseits dessen hängt ein ziemlich leeres, weißes Blatt Papier in einem Bilderrahmen.

 

Vor laaaaaaaanger Zeit

 

Alles „läuft“ sehr langsam ab. Die Alte kramt eine mit bunten Schmetterlingen bedruckte Schachtel hervor und fördert eine blondhaarige Puppe sowie eine CD, auf deren Cover ein Herz aufgemalt ist und der Schriftzug Marie. Rap-Rhymes von einem gef... Leben ertönen. Das Stück ist rund ¼-Stunde alt, das beginnt die alte Frau zu reden. Schleppend erinnert sie sich an Marie, ihre Tochter. Die ist vor laaaaaanger Zeit verstorben – an Anorexie, hat sich zu Tode gehungert. Das war – so scheint es – bis jetzt ein bestens gehütetes Geheimnis. Darüber hat sie nicht geredet, vielleicht selber nicht einmal eingestandenermaßen darüber nachgedacht. Daran scheint die alte, immer eigentlich auch namenlose Frau mehr oder minder seelisch verhungert zu sein. Verkümmert. Vertrocknet.

 

War da was?

 

Nun, vielleicht erst knapp vor dem eigenen Tod, sinniert sie darüber – und vor allem um die Frage des „warum?“. Hatte sie je wirklich Zugang zu Marie, eine wirkliche emotionale Verbindung mit ihrer Tochter. Oder mit überhaupt jemandem. Rückblickend hat sie immer funktioniert, alle Aufgaben erfüllt, aber als Gefühl kennt sie nur Angst. Angst, etwas falsch zu machen, Angst, Angst, Angst... – und auch die erzählt sie „nur“, selbst die wird nicht so wirklich spürbar. Tattrig aber geistig hellwach analysiert die Frau ihr Leben und dessen härtesten Schicksalsschlag. Ein Zitat aus dem Stück: „Der Kerze ist es am Ende auch egal, ob sie erlischt, wenn der Docht bis auf den Grund abgebrannt ist.“

In einem Traum erscheint die Tochter – dann als zweite Schauspielerin auf der Bühne. Als würde sie nach ihrem Tod über ihrer beider Leben resümieren, das mehr ein Aneinander-vorbei denn ein Zusammenleben gewesen sein muss. „Es hat nicht geklappt, einen Ruf des Lebens hab ich nie erhalten!“

Terraforming Arts Laboratorium Teilen

 

Facebook

 

Copyright 2016

Terraforming Arts Laboratorium (T.A.L.)

- neue Kunst für Österreich und Europa

Czapkagasse 16 / 2 / 18 | 1030 Wien | Österreich

E-Mail: produktion@terraforming-arts.com